Leben oder Tod - die Auszahlungsquote entscheidet bei Dividendentiteln

Im Mittelalter galt der Aderlass - die gezielte Blutentnahme - als Allheilmittel bei diversen Krankheiten. Heute hat man von solchen Behandlungen Abstand genommen. Nur noch bei Blutspenden wird das "Blutabzapfen" für einen guten Zweck praktiziert, dabei setzt man auf die Blutbildung des Körpers.

 

In gewisser Weise sind auch Dividenden-Ausschüttungen ein Aderlass für ein Unternehmen. Denn mit der Ausschüttung werden ihm Mittel entzogen, die ansonsten für Investitionen hätten eingesetzt werden können. Dabei vertraut man ebenfalls auf die Selbsterneuerung. Aus dem laufenden Umsatzprozess sollen neue Gewinne erwirtschaftet werden, die sich wieder ausschütten oder reinvestieren lassen.

 

Welche Auszahlungsquote ist normal?

 

Wie beim menschlichen Körper gilt es dabei darauf zu achten, dass nicht zu viel Blut entnommen wird - sprich Gewinne ausgeschüttet werden -, um den Organismus nicht zu überfordern. Sonst droht die Gefahr, dass nach dem Aderlass eine Leiche - ein insolventes Unternehmen - übrig bleibt. So etwas wie eine "ideale" Ausschüttungs- bzw. Auszahlungsquote - das Verhältnis von Ausschüttungen zum erzielten Gewinn - gibt es nicht. Wie viel ein Unternehmen von erwirtschafteten Überschüssen ausschüttet, ist letztlich eine Frage der Geschäftspolitik und auch der Geschäftspotentiale. Das erklärt, warum Unternehmen, die eine forcierte Wachstumsstrategie verfolgen, tendenziell weniger ausschütten als solche, die bereits über ein voll etabliertes Geschäftsmodell verfügen.

 

 Üblicherweise bewegt sich die Auszahlungsquote in einer Bandbreite zwischen 25 Prozent und 75 Prozent. Das gilt als "normal". Auch hier bestätigen Ausnahmen die Regel. Bei bestimmten Unternehmensformen kann es typische Abweichungen geben. So sind bei REITS - einer besonderen Form von Immobilien-Investmentunternehmen - Ausschüttungsquoten von über 90 Prozent charakteristisch. Wenn Du die im DAX, MDAX, SDAX und TecDax abgebildeten Werte zusammengefasst betrachtest, findest Du Ausschüttungsquoten, die in den letzten 15 Jahren im Schnitt immer zwischen 45 Prozent und 40 Prozent lagen. Lediglich die Jahre 2008 und 2009 markieren mit 37 Prozent und 39 Prozent "Ausreißer nach unten".

 

Die zeitweise niedrigeren Ausschüttungen lassen sich mit der Finanzkrise erklären. Viele Unternehmen waren wegen der Unsicherheit der weiteren Entwicklung vorsichtig bei ihren Auszahlungen geworden. Interessant ist übrigens, dass Nebenwerte höhere Ausschüttungsanteile bieten als "Standard-Titel". Die Auszahlungsquote lag hier im gleichen Zeitraum zwischen 51 Prozent und 42 Prozent, also zwei bis sechs Prozentpunkte höher. Es kann daher für Dich als Dividendeninvestor durchaus Sinn machen, bei Deiner Dividendenstrategie Nebenwerte einzubeziehen und mit ins Dividendenportfolio aufzunehmen.

 

 Was sagt die Ausschüttungsquote?

 

Wenn ein Unternehmen einen hohen Anteil seiner Gewinne ausschüttet, ist nur noch relativ wenig Spielraum für weitere Dividenden-Erhöhungen. Als Dividendeninvestor kannst Du Dir dann vergleichsweise wenig Hoffnung auf höhere Dividendenerträge machen. Das sieht bei niedrigen Ausschüttungsquoten entsprechend anders aus. Ein Alarmzeichen ist, wenn die Auszahlungsquote bei 100 Prozent oder mehr liegt. Das heißt, das Unternehmen schüttet seinen kompletten Gewinn aus oder sogar mehr. Für Investitionen bleibt dann nichts mehr übrig, ggf. schmilzt sogar das Eigenkapital. Ein solcher Aderlass ist nicht lange zu verkraften.